• in der Inselgalerie

176. Ausstellung | in memoriam Lizzie Hosaeus

26.11.-18.12.2010

Lizzie Hosaeus

Kritische und phantastische Zeichnungen

Vernissage der 176. Ausstellung am Donnerstag, 25.11.2010 um 19.00 Uhr

Finissage: Samstag, 18.12.2010 um 15.00 Uhr

 


 

Selbstportrait, 1990, Bleistift (unterlegt), 45x29 cm

Selbstportrait, 1990, Bleistift (unterlegt), 45 x 29 cm

Immer wieder wird Lizzie Hosaeus (1910-1998) in den Besprechungen von Sammelausstellungen genannt und provozieren ihre Einzelausstellungen Bewunderung – und auch das Erschrecken über den Mut einer Frau, die Wirklichkeit so nackt, in ihrer Bedrohtheit so hilflos zu sehen. (…) Lizzie Hosaeus‘ Stift ist grausam, ihr Humor schwarz (…), ihre Anklage ist wütend und ihr Verstehen – etwa in dem Zyklus, den sie »Paare« genannt hat, in den Blättern, die sie den »Müttern« gewidmet hat, oder in dem Zyklus »Trinker« – zeugt von einer, wenn auch zornigen Melancholie.
Ich weiß nicht, ob es Lizzie Hosaeus gern hört, wenn ich auf diese weibliche Komponente ihres Schaffens hinweise: auf das Zurückweichen vor dem Urteil, dem Verurteilen bei aller Schärfe der Anklage. Das Aufbegehren der Frau ist ein anderes als das des Mannes. Sie sieht beinahe lupenrein die Ursachen der Weltverrottung, sie benennt sie, doch sie rettet sich nicht in die Ironie, nicht in die stachelgeschützte Selbstsicherheit. Sie bezieht sich immer mit ein.

Das Kritikwesen, 1994, Filzstift (unterlegt), 30 x 21 cm

Das Kritikwesen, 1994, Filzstift (unterlegt), 30 x 21 cm

Lizzie Hosaeus ist Berlinerin und hat nach Märchenillustrationen und Bucheinbänden sehr früh zur kritischen Graphik gefunden. Ihre Technik ist souverän. Litho, Handsatz, Holzschnitt, Radierung, Schrift, reine Graphik und natürlich der Zeichenstift stehen ihr zu Gebote. Doch was wäre das Können ohne den Erlebnisdruck und die Fähigkeit zur Zusammenschau? Ihre verstörten,  zerstörten Gesichter, ihre entlaubten, ja entkronten Bäume, die ein Liebespaar bergen, letzte Zuflucht auf der trauernden, arm gewordenen Erde, auf der die Städte wie Pilze wuchern, Städte, in die sich die Atombombe hineinfrisst, ihre Fähigkeit zum Spott, wenn sie die »Gipfelkonferenz« auf einem Sockel aus kaputten Menschengesichtern tagen lässt oder den Frieden und den technisch perfektionierten Krieg sich ineinander spiegeln lässt. Die versperrte Menschlichkeit, der vermauerte Mensch sind ihre  Themen.
Nein, eine bequeme Graphikerin ist sie gewiss nicht. Es geht ihr um Sichtbarmachung des Menschenbildes, die Isolation im  Massenleben, es geht ihr um die modischen Wahnvorstellungen und ihre Opfer, um die gestörte oder nicht erkannte Du-Beziehung, um die Ängste, denen wir begegnen müssen. (…) Dass Lizzie Hosaeus sich wenig um das Self-Management kümmert – weil sie arbeitet, weil sie sich für andere junge Begabungen einsetzt -, nimmt für sie ein und macht ihr’s schwer. Wenn sie von den Künstlerinnen, für die sie sich stark macht, sagt, dass  ihnen der heilige Egoismus des Mannes abgehe, so trifft das auch für sie zu.

Ingeborg Drewitz, (leicht gekürzt)

Veröffentlicht im Tagesspiegel, Berlin, 20.4.1976