• in der Inselgalerie

213. Ausstellung | Schöne Neue Welt

08. Mai bis 31. Mai 2014


 SCHÖNE NEUE WELT

 


 

Sonja BlattnerBrigitte DeneckeElli GraetzRosika Jankó-GlageDoris KollmannGisela Kurkhaus-MüllerAnja MikolajetzMarianne Schröder


Vernissage: 08.05.2014, Donnerstag, 19.00 Uhr
Finissage: 31.05.2014, Samstag, 15.00 Uhr


 

SCHÖNE NEUE WELT

Der Ansatz für dieses Projekt war zunächst ein ganz pragmatischer. Acht Künstlerinnen des Vereins »Berliner Fraueninitiative Xanthippe«, der seit 20 Jahren die Inselgalerie betreibt, suchten nach einem Thema, das aus historischer Perspektive vielleicht einiges Licht auf die heutige gesellschaftliche Situation werfen könnte. Der immer wiederkehrenden Aufgabe, ihr Werk in einer Einzelausstellung zu zeigen, setzten sie einen programmatischen Ansatz entgegen, in dem sie sich gemeinsam künstlerisch zu einem Thema äußern wollten. Ein Thema, das sowohl einen historischen als auch einen gegenwärtigen Bezug erlaubt.

Der 450. Jahrestag von Galileo Galilei und William Shakespeare, der in diesem Jahr überall gefeiert wird, kam ihnen dabei sehr gelegen. Das Werk dieser Heroen der beginnenden Neuzeit von hier und heute zu hinterfragen, erwies sich als spannendes Experiment. Was hat sich bewährt, was wirkt weiter, was muss vielleicht neu gedacht werden? Es war eine Herausforderung an jede Künstlerin, ob ihre Vorstellungen von dem Werk dieser Männer sich gestalterisch umsetzen ließen. Zur Abmachung der acht Frauen gehörte, dass jede sich aus ihrer Handschrift dem Thema nähern sollte. Es war ihnen freigestellt, sich in Auseinandersetzung zu Galilei oder zu Shakespeare zu wenden.

Erstaunlicherweise ergab sich zum Schluss fast ein Gleichgewicht bei der Befragung des Künstlers oder des Wissenschaftlers. Denn in beiden Gestalten verkörpern sich die schöpferischen Impulse des Menschen.

Zwei Künstlerinnen näherten sich Shakespeare über sein letztes Drama »Der Sturm« (1611 in London uraufgeführt). Die gedankliche und darstellerische Spannung zwischen Caliban und Miranda drängte sie zur Umsetzung. Die Gestalten fordern heraus, sie in unsere Zeit zu denken. In dem Ausruf der Miranda »Wie schön das menschliche Geschlecht doch ist. O schöne neue Welt, die solchen Menschen Wohnung gibt!« wurde damit gleich der Titel des Projekts gefunden. Und er konnte auch als Klammer zwischen Kunst und Wissenschaft dienen. Aber er gab auch gleichzeitig die Sicht auf die damalige Welt aus heutiger Sicht vor. Ob man ihn ironisch oder tragisch wertet, er lässt viele Interpretationen offen. Er passt zu dieser künstlerisch heterogenen Gruppe.

Ilse-Maria Dorfstecher

 

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Sonja BlattnerBrigitte DeneckeElli GraetzRosika Jankó-GlageDoris KollmannGisela Kurkhaus-MüllerAnja MikolajetzMarianne Schröder


 

Eine schöne, neue Welt ist denkbar

»Wie schön das menschliche Geschlecht doch ist! O schöne neue Welt, die solchen Menschen Wohnung gibt!« ruft Miranda in Shakespeares letztem Drama »Der Sturm« aus, als sie zum ersten Mal Menschen aus der »Alten Welt« Europa erblickt. Sie weiß nicht, dass es genau diese Menschen waren, die sie und ihren Vater einst in die Flucht, aufs Meer und in den Schiffbruch getrieben hatten, bis sie auf der Insel des »wilden« Caliban gestrandet waren, wo ihnen nur der Luftgeist Ariel wohl gesonnen ist.

Aldous Huxley hat Mirandas Begeisterung im Titel seines 1932 erschienenen Romans zitiert. Seither denken wir die »Schöne Neue Welt« zuerst als die im Labor gezeugte, in ein Kastensystem gezwungene und auf Droge gesetzte Zukunftspopulation Huxleys.

»Schöne Neue Welt« – acht Künstlerinnen betreiben 450 Jahre später eine Auseinandersetzung über die Folgen des Wirkens von Galileo Galilei und William Shakespeare. Sie teilen Huxleys Zynismus nicht, aber sie versehen den unvoreingenommenen Ausruf Mirandas mit einem Fragezeichen.

Die eurozentristische Perspektive auf Kunst, Kultur und Wissenschaft, als Humanismus beschworen, doch so dem Rest der Welt gegenüber nicht immer praktiziert, steht schon lange in Frage und mit ihr die Werte der Aufklärung.

Mirandas Vater Prospero verkörpert in Shakespeares Drama die überlegene Klarheit, die Emanzipation von religiösen Dogmen, die Aufklärung und Zivilisierung der europäischen Gesellschaft. Oft wird er als das Alter Ego des Künstlers interpretiert. Doch Shakespeare setzt auch die Naturkräfte und Stimmen des Zweifels gegen Prosperos Ordnung.

Die »Xanthippen« werfen einen weiblichen Blick auf die Geschichte. Die acht Künstlerinnen stoßen akute Debatten an. Unter anderen bricht in der Auseinandersetzung mit der Figur des Caliban das alte Thema Fremdenfeindlichkeit auf. Es geht um einen ausgebeuteten Mond und die psychologischen Auswirkungen der galileischen Erkenntnisse, die bis ins Heute reichen. In einer Installation über die Umlaufbahnen fragt eine Künstlerin: »UND WENN SICH ALLES UM ALLES DREHT, worum dreht sich dann unser Leben?«

Worum dreht sich unser Leben heute, 450 Jahre nach Galilei und Shakespeare? Um das Bankdepot, eine Fernbeziehung, das Pendeln für den Zweitjob oder das Häuschen im Grünen? Um die Kinder, die die beste Ausbildung haben sollen, um für den Arbeitsmarkt der Zukunft optimiert zu sein?

Wir stoßen überall an Grenzen: an die Grenzen unserer Macht, unseres Wissens, unserer Kontrolle und unserer Kraft. Die alten Denkmodelle helfen nicht weiter. Es scheint, als hätten wir die Talsohle der Menschheitskrise erreicht, an der es um das Überleben geht und wieder einmal um die Frage, die sich die Menschen vor 400 Jahren, nach den revolutionären Erkenntnissen Galileis, bereits stellten: Was heißt es, Mensch zu sein?

Die Krise der Menschheit kommt in den Medien zwar überwiegend als Finanzkrise vor, doch sie ist eine ökologische, unsere Lebensgrundlage bedrohende, und sie ist vor allem eine kulturelle Krise. Das griechische Wort krisis hatte ursprünglich auch die Bedeutung von Entscheidung. Es ist ein Wendepunkt, an dem es kein Zurück gibt. Der Weg aus der Krise muss ein anderer sein als der, der hinein führte.

Es deuten sich solche Wege an, vereinzelt noch, prozesshaft. Hier und dort werden Grenzen aufgebrochen. Es kommt etwas in Gang. Neue Ökonomien ergänzen alternative Formen des Zusammenlebens. Es geht um ökologisches, selbst bestimmtes Dasein, abgekoppelt von den maroden, unsicheren Geld– und Wirtschaftskreisläufen. In den vergangenen Jahren formierten sich weltweit immer mehr dieser Projekte. Der Trend hält an, verstärkt sich. Alte Kulturtechniken verbreiten sich über neue Technologien. Forschung, Kunst und Spiritualität verschmelzen.

Der amerikanische Kulturphilosoph Charles Eisenstein glaubt, dass wir bis heute wie Kinder mit unseren Geschenken der Technologie und Kultur sorglos herum gespielt haben, und dass wir nun ein erwachsenes Bewusstsein entwickeln. Während eine alte Welt vergeht, sind wir gefordert, unsere Intelligenzen und Begabungen zielgerichtet einzusetzen. Die größte Herausforderung dieser »Renaissance der Menschheit« (Charles Eisenstein) besteht darin, dass wir uns miteinander verbinden. Dies ist keine Zeit mehr für große Genies wie Galileo Galilei, Michelangelo oder Leonardo da Vinci. Die gesamte Menschheit ist gefordert, eine ganzheitliche Genieleistung zu vollbringen: die eigene Rettung und die Rettung der Erde. Künstler agieren in diesem Prozess als Grenzgänger zwischen den Disziplinen, Kulturen, geistigen Strömungen und Milieus. Das befähigt sie, Horizonte zu öffnen wie einst Galilei. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp zeigt in seinem Buch »Galilei der Künstler«, dass es die zeichnende Hand war, durch die der Wissenschaftler erkannte, dass die Mondoberfläche nicht glatt ist, sondern voller Krater. Das scheinbar Undenkbare muss zuerst entworfen, geträumt, gespielt werden.

Kathrin Schrader

 

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Sonja BlattnerBrigitte DeneckeElli GraetzRosika Jankó-GlageDoris KollmannGisela Kurkhaus-MüllerAnja MikolajetzMarianne Schröder


 

SCHÖNE NEUE WELTDer Katalog zur Ausstellung ist für 5 € in der Inselgalerie erhältlich